Zum Hauptinhalt springen

Selbstbestimmung im Segelsport

Eine im Rollstuhl, eine sehr stark gehbeeinträchtigt: Zwei Seglerinnen auf dem foilenden GC32 – diese Entscheidung haben sie selbst getroffen

Unterzeile: Laura und Steffi segelten mit 25 Knoten auf dem Katamaran des Germany SailGP Teams vor Sassnitz. Über das Risiko haben sie selbst entschieden.

Sassnitz, 21. August 2026. 25 Knoten, einen Meter über dem Wasser, auf einem schnellen foilenden Katamaran: Laura und Steffi haben sich dafür entschieden – selbst, informiert und ohne dass ihnen jemand die Entscheidung abgenommen hätte. Laura sitzt im Rollstuhl, Steffi ist sehr stark gehbeeinträchtigt; beide waren Teilnehmerinnen der inklusiven Segelregatta in Sassnitz. Genau darin liegt für uns der Kern dieser Geschichte, nicht in der Geschwindigkeit.

Begonnen hat alles mit einem Gespräch am Eröffnungsabend des inklusiven SailGP Sassnitz 2026. Paul und Moritz vom Germany SailGP Team kamen mit den beiden ins Gespräch, und am Ende des Abends stand eine Einladung, die es so nicht noch einmal geben wird: mitzusegeln auf dem foilenden GC32-Katamaran des Germany SailGP Teams.

Vor der Zusage standen eine Sitzprobe an Bord und ein ausführliches Gespräch mit dem Team. Erst danach fiel die Entscheidung, und am 21. August ging es hinaus. Denn ein GC32 ist kein Boot, auf dem sich Risiken wegorganisieren lassen: Der Katamaran hebt auf seinen Foils rund einen Meter aus dem Wasser und erreicht dabei Geschwindigkeiten, wie sie im Segelsport sonst kaum vorkommen.

Für Laura und Steffi wurde daraus ein Foiling-Erlebnis, wie es nur wenige Seglerinnen und Segler je machen: der Moment, in dem die Rümpfe freikommen, das Boot leiser wird und trotzdem immer weiter beschleunigt – bis auf 25 Knoten, während das Wasser einen Meter tiefer unter ihnen hindurchrauscht.

Bleibt die Frage, über die wir sprechen wollen: Wer entscheidet eigentlich darüber, welches Risiko ein Mensch eingehen darf? Menschen mit Behinderung wird diese Entscheidung häufig abgenommen. Andere schätzen für sie ein, was zumutbar ist, wägen ab, was passieren könnte, und kommen zu dem Schluss, es sei besser, darauf zu verzichten – meist gut gemeint, aber ohne die zu fragen, um die es geht. Selbstbestimmung endet damit genau dort, wo es spannend wird.

Laura und Steffi haben sich das Boot angesehen, mit dem Team gesprochen, sich erklären lassen, worauf sie sich einlassen, und danach Ja gesagt. Genau so, wie es Menschen ohne Behinderung an ihrer Stelle auch tun. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum dieses Recht bei ihnen nicht gelten sollte.

Das Germany SailGP Team hat das ernst genommen: Sitzprobe an Bord, offenes Gespräch, ehrliche Auskunft – und dann die Entscheidung dort belassen, wo sie hingehört. Das ist für uns Inklusion: nicht Risiken für andere abwägen, sondern die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie selbst entscheiden können.

Was bleibt, ist deshalb nicht nur die Erinnerung an Geschwindigkeit und Schwerelosigkeit, sondern der Umgangston an Bord: unkompliziert, selbstverständlich, ohne Sonderbehandlung – und mit dem Vertrauen, dass die beiden Frauen auch mit ihrer Behinderung auf diesem Boot zurechtkommen.

„Nach einer Sitzprobe auf dem Boot und einem kurzen Gespräch mit dem Team war für mich klar, dass ich das Risiko, das mit diesem Boot verbunden ist, gemeinsam mit Benedikt tragen möchte. Vor allem die Art und Weise, wie Paul, Moritz und das gesamte Team mit mir umgegangen sind, hat mir ein sicheres Gefühl gegeben. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das Gefühl des schwerelosen Segelns bei 25 Knoten Spitzengeschwindigkeit und das Segeln auf Foils einen Meter über dem Wasser erleben durfte. Ich hatte das Gefühl, dass es Paul und dem ganzen Team etwas bedeutet, dass ich mitgesegelt bin. Dieses Ereignis macht für mich wirklich Inklusion aus, weil es um das gemeinsame Erlebnis geht und nicht um die damit verbundenen Risiken.“ Laura

„Allein schon dieses Hightech-Boot überhaupt betreten und als Gast an Bord sein zu dürfen, war etwas ganz Besonderes. Doch dann zu erleben, wie der Katamaran auf die Foils geht, die Geschwindigkeit immer weiter zunimmt und das Wasser mit atemberaubender Geschwindigkeit unter uns hindurchrauscht – das war einfach unglaublich. Besonders beeindruckt hat mich aber auch der fantastische Teamspirit der Mannschaft. Der unkomplizierte und selbstverständliche Umgang mit uns sowie das Vertrauen, dass wir auch mit unseren Behinderungen auf dem Katamaran zurechtkommen, haben mich sehr beeindruckt. Es war eine großartige Erfahrung, die ich sicher so schnell nicht vergessen werde.“ Steffi

In der Nachbereitung unseres inklusiven Segelns parallel zum ROCKWOOL Germany Sail Grand Prix wirkt dieser Tag bei uns bis heute nach. Er hat uns beeindruckt und er hat uns berührt – und er beschreibt ziemlich genau, worauf wir hinarbeiten: Solche Erlebnisse sollte es viel häufiger geben, und sie sollten selbstverständlich sein. Nicht die Ausnahme, für die es eine besondere Einladung braucht, sondern der Normalfall.

Wir danken Paul, Moritz und dem gesamten Germany SailGP Team für diese Einladung und für die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurde. Das Germany SailGP Team ist Mitglied und ganzjähriger Kooperationspartner von Wir sind Wir Inclusion in Sailing e.V.