
Kieler Woche 2026 – Bericht einer Mutter nach einem unvergesslichen Segeltag ihrer Tochter auf der Ostsee
Wie aus einem inklusiven Kinder- und Jugend-Segelprojekt ambitionierte Regattaseglerinnen und -segler werden
Inklusion im Regattasport – geht das? Beim Heinz Kettler Inclusive Youth Sailing Team Germany lautet die Antwort jeden Tag aufs Neue: ja. Das Team ist ein inklusives Segelprojekt für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, die nicht nur ab und zu mitfahren, sondern ambitioniert und intensiv segeln wollen – mit dem Ziel, eigenständige, kompetente Regattaseglerinnen und Regattasegler zu werden. Es ist also bewusst kein Schnupperangebot, sondern ein echtes Sportprojekt für junge Menschen, die mehr wollen.
Ein besonderes Wochenende hat das gerade wieder gezeigt: Im Rahmen der Kieler Woche 2026 erlebte das Team einen ganztägigen Trainingsworkshop auf der Ostsee – ein intensiver, wunderbarer Segeltag für unsere jungen Seglerinnen und Segler. Und mitten in diesen Tagen erreichte uns ein Text von Sandra Hein, der Mutter unserer Seglerin Sophia, der uns wirklich getroffen und berührt hat. Er zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Sophia ist sehbehindert – und genau das macht ihren Weg so besonders. Sie hatte ihre erste Segelstunde im Mai 2025, gemeinsam mit Susann Beucke, Silbermedaillengewinnerin im Segeln bei den Olympischen Spielen in Tokio. Schnell zeigte sich, wie intensiv und wie gerne dieses Kind segeln möchte. Eine Sehbehinderung bedeutet auf dem Wasser eine besondere Herausforderung: Bojen, Wind und Manöver lassen sich nicht einfach „auf einen Blick“ erfassen, und gerade die ersten Trainingseinheiten erfordern deshalb ein individuelles, sehr aufmerksames Vorgehen. Sophias Begeisterung war für uns – gemeinsam mit weiteren Kindern und Jugendlichen, denen es ähnlich ging – ein wichtiger Anlass, zusammen mit der Heinz Kettler Stiftung das Heinz Kettler Inclusive Youth Sailing Team Germany zu gründen. Heute begleitet Susann Beucke das Team als Co-Trainerin – ein schöner roter Faden in Sophias bisherigem Weg.
Sophia ist eines von vier jungen Crewmitgliedern des Startteams. Über das Feedback einer so engagierten Mutter freuen wir uns sehr – und wir geben es heute gerne in ihren eigenen Worten weiter.

Ein Jahr auf dem Wasser – der Bericht von Sandra Hein
Heute vor einer Woche waren wir beim Helga Cup auf der Alster, an diesem Wochenende bei der Kieler Woche. Nun sitze ich hier auf dem Campingplatz, meine Tochter auf dem Wasser, und mein Mann und ich lassen das vergangene Jahr Revue passieren.
Letztes Jahr im Mai saß unsere Tochter das erste Mal in einem Segelboot. Heute dürfen wir sie auf ihrem Weg bei Regatten, Trainings und großen Segelveranstaltungen begleiten. Wenn wir auf dieses Jahr zurückblicken, erfüllt uns vor allem eines: Dankbarkeit.
Gelebte Inklusion statt großer Worte
Wir haben einen Verein gefunden, der sich mit viel Herzblut für Inklusion einsetzt. Nicht nur auf dem Papier oder in Konzepten, sondern ganz praktisch im Alltag. Hier wird nicht darüber gesprochen, was Kinder nicht können, sondern darüber, was möglich gemacht werden kann.
Was wir an „Wir sind Wir“ besonders schätzen, ist, dass Inklusion hier mit einer Selbstverständlichkeit gelebt wird, die wir an vielen anderen Stellen vermissen. Ohne dieses Engagement hätten viele Kinder – darunter auch unsere Tochter – vermutlich nie die Möglichkeit gehabt, den Segelsport in dieser Form kennenzulernen und aktiv auszuüben.
Ein Jahr voller Erfahrungen
Seit einem Jahr verbringen wir als Familie viel Zeit an der Alster, bei Trainings, Regatten und Veranstaltungen. In diesem Jahr waren wir bereits zum zweiten Mal bei der Kieler Woche dabei und durften erleben, wie viel Freude, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung im Segelsport stecken.
Als Eltern eines Kindes mit Beeinträchtigung machen wir uns verständlicherweise oft große Sorgen. Gerade mir als Mutter fällt es nicht immer leicht, loszulassen. Doch besonders im letzten Jahr habe ich erlebt, wie positiv sich die viele Zeit auf dem Wasser auf unsere Tochter auswirkt. Immer wieder sehe und spüre ich, wie sie daran wächst, selbstständiger wird und an Selbstvertrauen gewinnt.
Auch der enge Austausch mit allen Beteiligten von „Wir sind Wir“ über meine Sorgen, Fragen und Anregungen hilft mir sehr. Es tut gut zu erleben, dass alle individuell auf unser Kind eingehen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Das gibt Vertrauen und lässt mich entspannter werden.
Gerade bei den großen Regatten wird Sicherheit großgeschrieben. Es sind ausreichend Motorboote mit erfahrenen Begleitpersonen auf dem Wasser, und jedes Team darf selbst entscheiden, ob es bei stärkerem Wind an einer Regatta teilnehmen möchte oder nicht. Für mich zeigt das, dass hier nicht nur von Inklusion gesprochen wird, sondern dass jeder Mensch so akzeptiert wird, wie er ist.
Heinz Kettler Inclusive Youth Sailing Team Germany – ein besonderes Projekt
Seit Herbst ist unsere Tochter Teil des inklusiven Heinz Kettler Inclusive Youth Sailing Team Germany. Dieses Team befindet sich noch im Aufbau und ist in dieser Form bisher einzigartig. Gerade deshalb sehen wir darin enormes Potenzial für den Segelsport, für Inklusion und vor allem für die Kinder. Hier bedarf es eines engen Austauschs aller Beteiligten. Die Kinder erleben eine Mischung aus Theorie- und Praxisworkshops und verbringen einmal im Monat gemeinsam ein Wochenende auf dem Wasser.
In zahlreichen Gesprächen mit anderen Eltern aus dem Team haben wir festgestellt, dass wir vieles ähnlich erleben. Unsere Kinder wachsen an ihren Aufgaben, gewinnen Selbstvertrauen, übernehmen Verantwortung und treffen eigene Entscheidungen. Sie werden ernst genommen und dürfen selbst entscheiden, wann sie eine Pause benötigen oder welche Herausforderungen sie sich zutrauen.
Wir erleben, wie das Segeln unseren Kindern die Möglichkeit gibt, Selbstvertrauen zu tanken, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sie willkommen sind. Uns als Eltern geht es dabei nicht um Leistung. Natürlich freuen wir uns mit unseren Kindern, wenn sie Erfolge haben. Viel wichtiger sind für uns Teilhabe, Gemeinschaft, die Akzeptanz jedes Einzelnen und die Freude der Kinder an dem, was sie tun.
Wenn das Segeln zusätzlich den positiven Effekt hat, dass unsere Kinder Selbstvertrauen, innere Stärke und Mut für ihren weiteren Lebensweg entwickeln, dann ist das für uns unbezahlbar. Deshalb können wir dem Verein und allen Beteiligten gar nicht genug danken, dass sie mit dem inklusiven Heinz Kettler Inclusive Youth Sailing Team Germany ein so wertvolles und zukunftsweisendes Projekt ins Leben gerufen haben.
Natürlich läuft nicht immer alles perfekt. Aber wir erleben Woche für Woche Menschen, die mit großem Engagement, Fachwissen und unzähligen ehrenamtlichen Stunden dafür sorgen, dass unsere Kinder diese Erfahrungen machen dürfen.
Dafür möchten wir heute einfach einmal Danke sagen. Danke an alle, die mit ihrem Einsatz dazu beitragen, dass unsere Kinder wachsen, lernen und ihren Platz in einer starken Gemeinschaft finden.
